Papiermuseum Gleisweiler

 
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Wuschelkopf
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Das Gewand
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Das Gewand

Die andere, die positive Seite, ist das Vergnügen, das uns solche Blätter bereiten können, vor allem, wenn wir morgens beim Frühstück die Zeitung aufschlagen und mal da- und dorthin schauen, ohne uns gleich den Appetit verderben zu lassen. Croissants und Kaffee munden auch gut, wenn wir aus unserer kleinen Frühstücksgeborgenheit heraus 'mal in die große weite Welt blinzeln - vielleicht gibt dieser Blick sogar die richtige Morgenwürze.

Viele Künstlerinnen und Künstler scheinen das so zu sehen. Juan Gris hat z.B. 1915 sein berühmtes Bild „Le petit déjeuner” gemalt, das in Paris zu bestaunen ist. In diesem Bild sieht man neben Tasse, Karaffe, Glas und Kanne auch die Zeitung: Le Journal. Das „Tagblatt” also. Ein Blatt das noch am Abend von diesem begonnenen Tag abfallen wird. Es wird im Blätterwaldherbst verrotten - wie alles, was seinen Dienst getan hat und nun unnütz geworden ist.

Aus diesem Urwald können wir uns also lösen, mit Vergnügen, wie wir bei Juan Gris und hier bei Wilhelm Morat und vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern sehen können. Eine Flut von Bildern bedient sich des Materials Zeitung, collagiert, übermalt, klebt, lässt Buchstaben und Bildfetzen stehen, atomisiert die ursprünglichen Meldungen und gibt die Buchstaben wieder frei: zu unserer erneuten Verwendung. Es ist wie ein Weg heraus aus der Gefangenschaft, in die uns fesselnde Schlagzeilen gebracht haben. Oder - im Gegenteil - eine Erinnerung an Wörter und Botschaften, die uns berührten und uns für einen Augenblick eine Handvoll Glück schenkten.
Leseglück: ein Blatt vom Baum des Lebens in unserer Hand.

Insofern sind diese Kunstwerke aus Papier wieder Texte geworden, die neue Geschichten erzählen und uns einladen, den Faden weiterzuspinnen.
Es dürfen lustige Geschichten werden. Wilhelm Morat nennt diesen Baum „Wuschelkopf in gehobener Position”.

2. Das Gewand

Eine Decke aus Papier hängt über einem Ständer, wie ein Wäschestück, das zum Trocknen aufgehängt ist.
Dieses Werk würde gerade auch im Freien eine gute Figur machen: Die nasse Decke (um im Bild zu bleiben) würde trocknen, aber der Wind würde sich darin fangen und einzelne Fasern lösen. Die Sonne würde darauf brennen und die weiße Farbe ins Gelb treiben. Der Regen würde einsickern oder abfließen. Die Decke würde es aushalten, eine lange Zeit lang.
An bisher neun Orten hat Wilhelm Morat ähnliche Papierskulpturen im Freien aufgestellt - sie trotzen Wind und Wetter, noch immer.
Papier ist widerstandsfähiger als sein Ruf, das gilt sogar für das Zeitungspapier, das nicht auf Archivfestigkeit hin hergestellt wird. Freilich muss man ihm, wie es Wilhelm Morat tut, die richtige Form geben. Und die muss man erst einmal herausfinden.

Papier kann zum Gewand werden. Die Ärmsten der Armen in den Slums dieser Welt decken sich damit zu und schlafen in großen Kartons. Hinter der gemütlichen Dimension des schützenden Zudeckens taucht die unheimliche Dimension einer Welt auf, die Überfluss produziert und damit Armut verursacht. Tonnenweise wird Werbung in die Briefkästen gestopft, die zum großen Teil ungelesen in den Müll wandert - was für eine Verschwendung!
Die Skulptur wird zum Moratorium und rückt eine Seite der Wirklichkeit in den Blick, an die wir uns ungern erinnern lassen und die wir beim genüsslichen Frühstück am liebsten überlesen.

Andererseits weiß Wilhelm Morat zu erzählen, dass Tiere seine Skulpturen für sich entdeckt haben: Katzen z.B. oder Eichhörnchen, die es sich darin gemütlich machen. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Diese auf den ersten Blick so märchenhaften Werke offenbaren, dass sie wie alle Märchen einen harten Kern der Realität enthalten, an dem wir uns die Zähne ausbeißen können.   >weiter

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