Papiermuseum Gleisweiler

 
Morat14
Die Große Grüne
Morat23
Das Werk in der Mauernische
Morat13
 

3. Die Große Grüne

Hier triumphiert die Farbe der Blätter, die sich vor dem Farbenrausch der Blüten im Frühjahr zeigt.
Hier hüllen sich die Meldungen von gestern in zukunftsfrohes Grün, sind nicht mehr wahrzunehmen unter der Rinde dieser Farbe.
Es ist wie ermutigender ein Blick nach vorne und zugleich auch ein Blick nach hinten: Lass es gut sein, steh auf und geh weiter!
Die große Grüne hat Rückgrat. Sie kann so leicht nichts umhauen. Wieder ein Zeichen: Was sich aufrichtet, wer sich aufrichtet, benötigt nicht nur den Halt der Wurzeln, sondern auch die Festigkeit des Rückgrats. Ein Lehrstück für alle.

4. Das Werk in der Mauer-Nische

schmiegt sich in eine gegebene Form, löst deren feste Konturen für eine Weile auf. Es entsteht der Eindruck, die Form suche Halt in der Nische, wie sich kleine Kinder in die Arme von Vater oder Mutter schmiegen.

Manche Betrachterinnen und Betrachter werden den Gegensatz zwischen der massiven Wand und dem fragilen Papiergebilde (das so fragil aber auch wieder nicht ist), als eine Erinnerung daran verstehen, dass die Wirklichkeit in Polaritäten gegliedert und ein Prozess ist, der sich entwickelt und nicht stillsteht. Alles Festgefügte wird sich auflösen und in neue Formen verwandeln. Der Künstler macht diesen Aspekt der Welt mit einer scheinbar leichten Hand für uns sichtbar; von der Auseinandersetzung, die der Gestaltung vorausgeht, sehen wir nur etwas, wenn wir uns gründlich und für längere Zeit mit dem Werk beschäftigen.

5. Zu den Bildern

Den dreidimensionalen Gebilden stehen zweidimensionale Werke gegenüber, die ebenfalls den Grundstoff Zeitungspapier enthalten, aber auf eine andere Weise gestaltet sind.
Was wir in Büchern oder auch in Zeitungen Blatt für Blatt umblättern, ist hier exakt in Streifen geschnitten und zu abstrakten Motiven zusammengesetzt, die sich horizontal oder vertikal zu neuen Textzeilen fügen. Freilich lassen sich diese Zeilen nicht mehr lesen wie ein Buch - die Zeichen erscheinen in unerwarteten Verbindungen und sind keine Teile von Wörtern oder Sätzen mehr, sondern sie sind Teile von Bildern geworden. Sie sind malerisch bearbeitet, also in ein anderes Medium verwandelt. Nun wollen sie wie ein Bild gelesen werden. Es sind nicht mehr Wörter Wörtern oder Buchstaben Buchstaben zugeordnet, sondern Farben Farben und Formen Formen. Wir lernen eine neue Grammatik.

Die grüne Bilderreihe erscheint als ein Buchstabendschungel, ein kaum zu durchdringendes Dickicht von Überbleibseln vergangener Zeiten und von aufgebrachten Farben.
Der Künstler spricht selbst von seinem „Dschungelbuch”. Er hat vorzugsweise Werbetexte verarbeitet, und solche Texte sind ja wirklich ein wahrer Dschungel, aus dem herauszufinden ein Kunststück ist.
Er stellt der überlauten, überall präsenten aggressiven Werbung mit seinen Bildern etwas entgegen, was er „verschwiegene Worte” nennt. Und diese Worte stehen auf einem anderen Blatt. Sie sind nichts für die Öffentlichkeit, nichts für Big Brother, nichts für geschwätzige und banale Talkshows. Sie sind keine Selbstdarstellung, sondern Sinnsuche und Selbstbesinnung. Wir befinden uns auf einer Oase im Blätterwald, wo wir aufatmen und uns selbst finden können. >weiter

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