Papiermuseum Gleisweiler

 
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6. Die kleinen Skulpturen an der Wand und auf dem Boden

Sie zeigen auf eine unscheinbare Weise, was es mit der Vergänglichkeit auf sich hat. Hier ist dem Papier eine weiße Farbhülle gegeben worden, sodass es Ähnlichkeit mit der Farbe von „ausgeglühtem”, nicht verkohltem Papier bekommt. Wir werden, wenn diese Vorstellung in uns wachgerufen wird, an ein gewaltsames Ende erinnert, das keinen Raum mehr für eine allmähliche Verwitterung lässt.

Schauen wir aber genauer hin und berühren wir die Skulpturen vorsichtig, sehen und spüren wir eine Festigkeit, die sich dem Anschein von Vergehen entgegenstellt. Die Form leistet Widerstand, beweist Kraft.
Die offene Form, durch die man hindurchschauen kann, zeigt nach innen hin eine rote Farbhaut, bei der die Vorstellung an glühendes oder blühendes Leben entstehen kann.

Es ist reizvoll, sich beim Betrachten dieser Ausstellung vor Augen zu halten, dass dem strahlenden, dominierenden Grün der großen Skulptur aus dieser Röhre heraus die Komplementärfarbe Rot antwortet. Rot innen antwortet Grün außen - ein spannungsvoller Dialog ist inszeniert.

Die kleine auf dem Boden liegende Skulptur erscheint wie ein Element aus einer der großen Skulpturen. Wir sehen, dass die Werke dem Gesetz der Reihe, der Muliplikation, gehorchen, dass sie sich beim Fertigen ihrer Logik folgend entwickeln und bis zu einer gewissen Größe heranreifen. Wie kein einziges Pflanzen-Blatt genauso wie ein anderes aussieht und nur Ähnlichkeiten mit seinen Geschwistern aufweist, so sind auch die gerollten Papierelemente verschieden voneinander - ein lebendiges Bild der Wirklichkeit.
Zudem werden wir uns bewusst, dass keine Bäume in den Himmel wachsen, auch nicht diese Bäume im Märchenwald. Wachstum ist endlich.

Ich möchte unseren kleinen Sonntagsspaziergang im Blätterwald, der sozusagen mit dem Frühstück begann, mit einem Ausblick auf den Abend beenden.
Natürlich geht es dabei um Papier, um ein Buch, um das Blättern, Blatt um Blatt.

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, -
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Rainer Maria Rilke


Anmerkung: Dieser Text enthält Stichworte zu einem Vortrag in Form einer Führung zu den einzelnen Arbeiten, gibt also nicht den gesamten Umfang des mündlichen Vortrags wieder.

Laudatio zur Vernissage der Ausstellung von Wilhelm Morat im Papiermuseum Gleisweiler/Pfalz am 29. April 2007    © Erhard Domay

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